24
Jul
2017
18:44 PM

Entscheidungs­synästhesie

Mitglied Martin Schmiederer eröffnet die Rubrik "Einblick", in der DSG-Mitglieder eigene Texte veröffentlichen oder von ihrem Leben mit Synästhesie berichten können.

Was sagen deine Farben?

Vor einiger Zeit machte ich mit einer Freundin eine Wanderung. Wir stiegen steil bergan, gingen rasch. Wir fanden eine Hütte am Wegesrand und träumten vom einsamen Leben in den Bergen. Bald standen wir auf dem ersten Gipfel. Ein Gefühl von Erhabenheit war für mich spürbar, wenngleich meine innere Bewegung einer anderen Spur nachging.
Der weitere Weg führte über einen Grat. Überall war Schnee und, obwohl wir erschöpft waren, rannten, sprangen, rutschten wir über das Eis auf dem schmalen Pfad, von dem aus links und rechts der Abgrund in Reichweite lag. Vor ehernem Gestein ruhten wir – au grand soleil d’amour chargé.

Der dritte Gipfel lag bereits hinter uns, ein Hauch Erlauchtes überbrachte uns der Wind, der uns sanft auf den Abend eingewöhnte. Doch dunkler wurde der Wald, flacher die Wege und länger unsere Seufzer. Wir kamen an eine Wegkreuzung. Entlang ging ein Bach. Kein Wegweiser. Menschenleer. Lauter niemand. Links oder rechts? Flusswärts oder entgegen? Auf beiden Seiten des Berges lag ein See.

Was sagen deine Farben?, fragte sie. Es war als ob... noch nie hatte mich jemand diese Frage gefragt. Ganz klar: rechts, in Flussrichtung, bergab, war es tiefrot und schwarz, kantig wie ein Knochen, nach einem Bruch wieder geheilt, wie eine im Gefäß erstarrte Flamme, lichterloh und still. Doch links, bergan, waren tief dichte, in blaues Licht getauchte und im Kern neblig-leuchtende auratische Wolken, wie in einer arabischen Nacht, in Erwartung des Chagall’schen Paares auf dem Pferde, das jeden Moment im Aufstiegwirbel emporzuschweben vermöchte.

Links, sagte ich. Wir vertrauten. Und fremd führte uns der Weg wieder ein Stück den Berg hinauf. Ein Leichtgläubiger hätte zweifeln können. Doch bald sahen wir die Wiese, bald den See, die uns in der Frühe Aussicht auf den sanftesten Ausklang der langen Wanderung gegeben hatten.

Martin Schmiederer