Was ist Synästhesie?


Der US-amerikanische Synästhesieforscher Richard E. Cytowic erklärt es in aller Kürze:

Eine Begriffserklärung und die wichtigsten Merkmale:

Synästhesie ist das Resultat einer spezifischen Vernetzung im Gehirn, die relativ selten vorkommt. Nach den jüngsten Studien weisen ca. 4% der Bevölkerung mindestens eine Form von Synästhesie auf. Aufgrund der Häufung in Familien wird Erblichkeit angenommen.

Das Wort Synästhesie ist abgeleitet von den altgriechischen Wörtern syn (= zusammen) und aisthesis (= Empfinden), laut Duden die Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen. Synästhesie beruht auf zusätzlichen neuronalen Verbindungen zwischen den einzelnen Sinnen.
Beispielsweise nehmen manche Synästhetiker Zahlen farbig wahr, können Buchstaben fühlen oder Worte schmecken. Andere können Töne in bunten Farben und/oder Formen sehen („farbiges Hören“). Theoretisch kann jeder Sinnesreiz eine synästhetische Empfindung in einem anderen Wahrnehmungskanal auslösen.

Zu den häufigsten Synästhesieformen gehören:
  • Graphem-Farb-Synästhesie: Buchstaben und/oder Zahlen sind untrennbar mit einem Farbeindruck verbunden
  • Farbiges Hören: Geräusche und/oder Musik werden gleichzeitig in Farbe und/oder Formen wahrgenommen
  • Zeit-Raum-Synästhesie: Zeiteinheiten wie z.B. Wochentage, Monate, das Jahr oder auch Ziffern besitzen eine bestimmte räumliche Anordnung bzw. Position
  • Person-Farb-Synästhesie: Persönlichkeiten wird eine jeweils charakteristische Farbe zugeordnet. Auch die Zuordnung von Ziffern ist möglich.

Oft werden auch Geschmacksrichtungen, Gerüche, oder Körperempfindungen, wie z.B. Schmerz durch eine synästhetische visuelle Empfindung begleitet.

Der US-amerikanischer Anthropologe, Linguist und Synästhetiker Sean A. Day listet auf seiner Internetseite daysyn.com 80 verschiedene bekannte Formen von Synästhesie auf.

Synästhesie ist keine Erkrankung, Halluzination oder Einbildung.

Prof. em. Dr. Dr. Hinderk Emrich, Psychiater, Hirnforscher, Philosoph und Mit­be­grün­der der Deutschen Synästhesie-Gesellschaft bezeichnet das neurobiologische Phänomen als physiologische Normvariante. Diese Bezeichnung scheint auch insofern passend, als die individuelle synästhetische Wahrnehmung von den jeweiligen Synästheten selbst als völlig „normal“ empfunden wird.

Oft dient sie unbewusst als Erinnerungshilfe und Orientierung im Alltag. Die Synästhesie kann z.B. bei der Beurteilung von Situationen oder körperlichen Befindlichkeiten (z.B. Einordnung von Schmerzen durch visuelles Empfinden) eine Hilfe sein. Die zusätzliche Fähigkeit wird von den meisten Synästheten als bereichernd, „unverzichtbar“ und wesentlicher Bestandteil der eigenen Identität empfunden.

Das sich Synästhetiker ihre zusätzliche Wahrnehmung nicht einbilden, machen MRT-Untersuchungen deutlich, die eine Aktivität in den verknüpften Gehirnarealen belegen.
Auch hat man inzwischen herausgefunden, dass Synästhetiker eine veränderte Gehirnstruktur, z.B. eine dichtere graue Substanz in bestimmten Bereichen, aufweisen.

Bestimmte Phänomene treten anscheinend gehäuft bei Synästhetikern auf. Dazu gehören Hochbegabung, Hochsensibilität und erhöhte Kreativität, aber ebenso Aufmerksamkeitsstörungen und räumliche Orientierungsschwierigkeiten. Auch kann es aufgrund der zusätzlichen Wahrnehmung schneller zu Reizüberflutungen kommen.


Es werden drei Arten von Synästhesie unterschieden:

Genuine Synästhesie: Alle Arten von Synästhesie, bei denen eine äußere Wahrnehmung unwillkürlich eine synästhetische Wahrnehmung auslöst. Das Charakteristische an dieser angeborenen (genuinen) Synästhesie besteht in der Unveränderlichkeit des jeweiligen synästhetischen Eindrucks (ein Trompetenton z.B. geht immer mit einem blauen runden Eindruck einher).

Gefühlssynästhesie: Der Auslöser der synästhetischen Wahrnehmung ist hier keine äußere Wahrnehmung, sondern ein Gefühl. Dieses Gefühl erzeugt eine „sinnliche Bebilderung“ z.B. Farbensehen. Gefühlszustände hängen aber stark von den jeweiligen Lebensumständen ab und sind nicht ohne weiteres wiederholbar. Die synästhetischen Wahrnehmungen sind also nicht gut reproduzierbar.

Metaphorische Synästhesie ist ein wissenschaftlich noch nicht gut erforschtes assoziatives Phänomen, das bei jedem Menschen auftreten kann, bei dem Gefühlszustände mit zugeordneten imaginierten Wahrnehmungen einhergehen.


Wissenschaftliche Erforschung der Synästhesie:

Die Forschungen des Neurologen und Neuropsychologen Richard E. Cytowic zum Thema Synästhesie, die 1980 zu dem Buch „The Man Who Tasted Shapes“ und 1982 zu zwei Veröffentlichungen in der Zeitschrift Brain & Cognition führten, waren der wesentliche Anlass für das Wiederaufleben des Themas Synästhesie (und dessen wissenschaftliche Erfoschung) um 1980.

Ging man in den Neunziger Jahren noch von einer Häufigkeit von 1: 2000 - 1:1000 in der Gesamtbevölkerung aus, weisen die jüngeren Studien auf einen wesentlich höheren Prozentsatz von 2-4 % hin. Diese Tatsache und auch die immer besseren Untersuchungsmöglichkeiten dürften dafür verantwortlich sein, dass das Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung der Synästhesie international spürbar wächst.

Der DSG bekannte Forschungsstandorte in Deutschland sind derzeit: Medizinische Hochschule Hannover, Universität Regensburg, Forschungszentrum Jülich, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf / Universität Osnabrück.


Bekannte Synästheten:

Berühmte Synästhetiker waren z.B. der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman und vermutlich auch der Erfinder Nikola Tesla; ebenso die Komponisten Franz Liszt, Jean Sibelius, Olivier Messiaen, Nikolai Rimsky-Korsakov, Leonard Berstein, György Ligeti sowie der Autor Vladimir Nabokov. Der Maler Wassily Kandinsky nutzte seine Gabe, um besonders „musikalische“ Bilder zu malen. Ebenso ist es sehr wahrscheinlich, dass Vincent van Gogh Synästhetiker war.

Heute bekannte Synästhetiker sind z.B. Musiker/innen wie Lady Gaga, Lorde, Mary J. Blige, Tori Amos, Billy Joel, Pharell Williams, Kanye West und Chris Martin, der Sänger der britischen Band „Coldplay“. Ebenso die französische Pianistin Hélène Grimaud, der kalifornische Maler und Bühnenbildner David Hockney und der Comiczeichner Michel Gagné („Ratatouille“).

Diese bekannte Szene aus dem Film „Ratatouille“ zeigt die Synästhesieform, bei der Geschmack eine visuelle Mitempfindung auslöst:


Siehe auch: → Synästhesie-Lexikon → Synästhesie-Links