FAQ

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Fragen zur Synästhesie allgemein

Der Begriff Synästhesie kommt von den altgriechischen Wörter syn für zusammen und aisthesis für Empfinden. Der Begriff beschreibt das zeitgleiche Empfinden zweier Wahrnehmungen und Sinneseindrücke, die normalerweise getrennt auftreten und nicht in Zusammenhang stehen, wie z. B. Hören von Tönen und zeitgleiches Sehen von Farben, entweder vor dem inneren Auge oder auch (seltener) in die Umgebung projiziert.

Es handelt sich bei Synästhesien um eine Variante menschlicher Wahrnehmung als ergänzende Empfindungen, wo nicht-synästhesiebegabte Menschen eine isolierte Wahrnehmung haben. Synästhesien sind nicht pathologisch, erleichtern im Gegenteil Lernen, Erinnern, Feinsinnigkeit und Kreativität. Menschliche Wahrnehmung ist vielfältig, Synästhesien sind eine zusätzliche Fähigkeit mit besonderen Merkmalen. Umgangssprachlich spricht man von gekoppelten Sinnen, die Entstehung ist jedoch tiefergreifender als es reine Nervenbrücken vermitteln könnten (s. u.).

Synästhesie bedeutet auf einen Reiz (trigger) hin eine zusätzliche Wahrnehmung (concurrent) zu erfahren, die über das hinausgeht, was die Mehrheit der Menschen auf diesen Trigger empfindet. Ein Ton kann so nicht nur gehört, sondern auch als Farbe und/oder Form empfunden werden, ein Geschmack oder Geruch kann ebenso Farbe oder Formwahrnehmung oder z. B. auch ein Hören von Tönen auslösen usw. Multiple, auch bi- oder mehrdirektionale Verknüpfungen von Wahrnehmungen sind beschrieben, man geht von über 80–100 verschiedenen Synästhesieformen aus.

Verschiedene Sinneswahrnehmungen sind so miteinander auf ungewöhnliche Weise verbunden. Sehr häufige Synästhesien sind neben dem farbigen Hören (Klang-Farb/Form-Synästhesie) die Graphem-Farb-Synästhesie und die Sequenz-Raum-Synästhesie, wo Zeichen (Grapheme) oder Zeiteinheiten (Sequenzen) vor dem inneren Auge als Formen visualisiert und ggf. mit Farbe belegt werden. Hier gibt es nicht zwingend einen äußeren Trigger, da auch das Denken an ein Graphem (Zahl oder Buchstabe) oder eine Zeiteinheit (eine Woche, ein Monat, ein Jahr, ein Zahlenstrahl etc.) das innere Bild hervorruft. Der Trigger ist hier ein Gedanke, eine kognitive Leistung, die dennoch einen Concurrent (synästhetische Zusatzwahrnehmung) auslöst. Dies ist also eine synästhetische Empfindung auf ein abstraktes Konzept hin, auf eine Idee. Daher rührt der Begriff Ideasthesie (idea = Idee, aisthesis = Empfinden). Es zeigt sich zunehmend, dass fast alle Synästhesieformen besser durch den Begriff Ideasthesie erklärt werden können, die historische Begrifflichkeit Synästhesie wird jedoch beibehalten.

Die Fähigkeit zum vernetzten Denken, was Synästhesien ausmacht, ist angeboren und tritt auf, wenn ein Kind beginnt, abstrakte Konzepte wie Grapheme oder Zeiteinheiten zu lernen. Die Fähigkeit hilft, diese besser zu begreifen, zu lernen und zu erinnern. Meistens bemerkt man diese Begabung daher im Kindergarten- oder Vorschulalter. Synästhetische Wahrnehmungen können auch noch später auftreten, wenn Neues gelernt wird und bleiben dann in der Regel lebenslang stabil. Selten gibt es Situationen, wo die Wahrnehmungen sich noch ändern oder verblassen.

Die subjektive Wahrnehmung wird von jedem Menschen als natürlich angesehen, manchmal wird man sich daher erst im späteren Alter der Besonderheit dieser Art der kognitiven Verarbeitung bewusst. Dies in der Regel beim Austausch mit anderen, deren Wahrnehmung weniger vielfältig und farb- und formenreich ist oder im Gespräch mit anderen Synästheten, was dann oftmals als sehr bereichernd empfunden wird.

Synästheten erleben ihre Wahrnehmung meist als etwas völlig Normales und zugleich als bereichernd – oft verbunden mit einem intensiveren, farbenreichen Erleben. Viele beschreiben ihre Synästhesie als „unverzichtbar“, nicht zuletzt, weil sie im Alltag als wertvolle Orientierungshilfe dient.

Manche Synästheten bezeichnen ihre Synästhesie als „extra Luxus“. Verständlich wird dies, wenn beispielsweise Musik in Farben, Formen und Texturen oder als Körperempfindung wahrgenommen wird.

Sie kann eine große Hilfe beim Lernen und Erinnern sein, da synästhetische Eindrücke das Gedächtnis unterstützen. Mitunter können sie jedoch zu Verwechslungen führen, wenn Namen, Wörter oder Inhalte ähnliche Farbtöne oder Formen hervorrufen.

Synästhesien können auch irritierend wirken oder innere Widerstände auslösen – etwa wenn Wörter oder Zahlenkombinationen als farblich „nicht passend“, unharmonisch oder falsch empfunden werden.

Manche Synästheten erleben ihre Wahrnehmung mitunter als belastend. Bei sogenannten Projektoren (etwa 20 % der Synästheten) erscheinen die Eindrücke direkt im Sichtfeld und überlagern das normal Sichtbare, was in reizintensiven Umgebungen oder Situationen herausfordernd werden kann. Auch Assoziatoren (ca. 80 % der Synästheten), die ihre Eindrücke vor dem „geistigen Auge“ sehen, können bei starken Reizen (z. B. hoher Lautstärke), vielen Reizen oder mehreren gleichzeitig auftretenden Synästhesieformen eine Reizüberflutung oder vorübergehend Konzentrationsprobleme erleben.

Einige Synästhesieformen werden zudem häufiger als unangenehm empfunden – besonders solche, die Geschmacks- oder Geruchsempfindungen auslösen, etwa durch Geräusche oder Wortklänge (lexikal-gustatorische Synästhesie).

Die individuelle Reizempfindlichkeit spielt ebenfalls eine große Rolle: Wer Reize besonders intensiv und differenziert wahrnimmt, erlebt in der Regel auch seine synästhetischen Eindrücke entsprechend stärker und detaillierter.

Für das Vorhandensein einer Synästhesie müssen per definitionem mehrere Kriterien erfüllt sein. Eine synästhetische Wahrnehmung, tritt unwillkürlich, weitgehend unveränderlich und reproduzierbar (wiederholbar) auf. Ein Kennzeichen ist, dass sich die begleitende synästhetische Wahrnehmung normal und natürlich anfühlt und „schon immer“ so war.

Es gibt im Internet Testverfahren und den Fragebogen der DSG, der die häufigsten Synästhesien beschreibt und abfragt. Damit lässt sich ein guter Einblick gewinnen und feststellen, ob eine Synästhesie vorliegt. Die online verfügbaren Tests müssen idealerweise nach einigen Monaten wiederholt werden, um eine konsistente Wahrnehmung abzufragen.

Empfehlenswert ist auch der Austausch mit anderen Synästheten. Am besten gelingt das in persönlichen Gesprächen, z. B. als Mitglied in der DSG. Hier finden sich viele synästhesiebegabte Menschen, die sich bereits lange mit dem Thema auseinandergesetzt haben und eine gute Einschätzung geben können.

Psychologen und Ärzte kennen sich manchmal mit Synästhesien aus, aber da es sich nicht um eine Krankheit handelt, wird die Synästhesie in der Ausbildung oft nicht vertieft behandelt. Sollte ein solcher Fachmann zurate gezogen werden, ist es oftmals hilfreich, ihm die Informationsmaterialien der DSG zur Verfügung zu stellen und auf die Kontaktmöglichkeit hinzuweisen, sodass Fehleinschätzungen aus ungewollter Unwissenheit unterbleiben.

Es besteht hierfür in der Regel keine Notwendigkeit. Die meisten Synästheten, die sich ihrer vielschichtigen Wahrnehmung bereits bewusst sind, sehen die Synästhesie als etwas völlig Normales, meist Schönes und auch ganz offensichtlich Vorhandenes, was mit speziellen, aber nicht störenden Wahrnehmungen im Alltag verbunden ist. Synästheten sind nicht selten zudem hochbegabt, künstlerisch und wissenschaftlich kreativ und ansonsten normale Mitglieder der Gesellschaft in allen Bereichen.

Wenn Kinder das erste Mal merken, dass ihre Wahrnehmung vielschichtiger ist als bei ihren Freunden und Schulkameraden, können Fragen bei ihnen und ihren Eltern und dem Lehrpersonal auftreten. Hier ist ebenfalls der Verweis auf die Seite der DSG hilfreich, sodass es von vorneherein nicht zu Fehlinterpretationen kommt. Die allermeisten Kinder durchlaufen eine vollkommen unauffällige Schulkarriere und wissen selbst gut, ihre Fähigkeiten gewinnbringend einzusetzen.

Treten Schwierigkeiten und Verständnisprobleme auf, so liegt dies meistens nicht an der Synästhesie direkt, sondern an begleitenden Besonderheiten der Wahrnehmungsfähigkeit. So gibt es unter Umständen parallel eine Hochsensibilität und selten Phänomene wie ein hochfunktionaler Autismus, bei denen Synästhesien parallel auftreten können. Eine reine Synästhesie geht nur selten mit Schwierigkeiten einher.

Synästhesien sind zudem durch funktionelle Bildgebung des Gehirns eindeutig nachweisbar, somit auch keine Einbildung und eindeutig abgrenzbar zu pathologischen Phänomenen wie Halluzinationen oder substanzinduzierten Veränderungen des Hirnstoffwechsels. Radiologische Bildgebung findet jedoch nur im Rahmen von Studien statt, da Synästhesie im Gespräch und in den o. g. Test ausreichend feststellbar ist und keiner weiteren Untersuchung bedarf.

Wer bei sich oder seinem Kind synästhetische Fähigkeiten vermutet oder schon kennt, der kann sich bei der DSG über alles damit im Zusammenhang Stehende informieren, als Mitglied darüber hinaus von allen Aktionen und Veranstaltungen profitieren. Der Fragebogen, den wir entwickelt haben, gibt gute Anhaltspunkte, welche Synästhesien häufig sind und wie sie sich äußern. Weiterhin haben wir darüberhinausgehende Informationsmaterialien wie Informationsbroschüren. Auf Anfrage beantworten wir zeitnah alle Anliegen, wir verfügen über jahrelange Erfahrung und Expertise und haben zur Differentialdiagnostik psychotherapeutischen und fachärztlichen Hintergrund.

Es ist jedoch erneut zu betonen, dass Synästhesien nicht krankhaft sind, sondern im Gegenteil ein „Luxus in der Wahrnehmung“, der zudem erweiterte Fähigkeiten im Hinblick auf Kognition und Bewusstsein impliziert. Ein synästhesiebegabtes Kind braucht wegen seiner Synästhesie keinen Therapeuten, aber verständnisvolle Eltern, die es wertschätzen mit allem, was es in diese Welt mitgebracht hat und damit zu einer facettenreichen, kreativen Gesellschaft sinnstiftend beitragen kann.


Das synästhetische Gehirn

Die Befähigung zur Synästhesie ist angeboren. Der genaue Mechanismus, wie die synästhetische Veranlagung vererbt wird, ist noch unklar. Auch wie sich die synästhetischen Wahrnehmungen entwickeln, ist noch Gegenstand der Forschung. Eine Theorie besagt, dass Gehirne von Synästheten stärker neuronal vernetzt sind, sich mehr Nervenzellverbindungen entwickeln, eine weitere, dass derartige Vernetzungen bei allen Menschen im Kindesalter vorhanden sind, bei Synästheten aber im Laufe der Zeit weniger stark zurückgebildet werden. Nervenzellverbindungen (Neurone), die weniger stark genutzt werden, können sich zurückbilden, andere durch Training neu entstehen oder verfestigt werden. Dasselbe kann für die Verknüpfungspunkte von Nervenzellen, sogenannte Synapsen, gelten.

Neuere Theorien gehen davon aus, dass Synapsen und Neuronenverbindungen bei allen Menschen gleich sind, jedoch unterschiedlich genutzt, aktiviert oder deaktiviert werden. Ein solches Netzwerk aus Synapsenverbindungen ermöglicht Anpassungen und Reaktionen sowie vielfältige kognitive Leistungen, die flexibler und schneller sind als es ein neues Ausbilden von Nervenzellsträngen (Axone) allein möglich machen würde.

Sekundenschnelle Aktivierung und Deaktivierung von Synapsennetzwerken erklären auch besser die Unterschiede in der kognitiven Verarbeitung bei Synästheten.

Synästheten scheinen in bestimmten kognitiven Bereichen messbar leistungsfähiger zu sein als Nicht-Synästheten. Ein Grund dafür liegt in ihrer besonderen Art der Informationsverarbeitung: Wenn Buchstaben Farben haben, Zahlen im Raum liegen oder Töne bestimmte Formen hervorrufen, werden Inhalte gleichzeitig auf mehreren Ebenen kodiert. Dieses „Dual-Coding“ wirkt wie eine zusätzliche Etikette auf dieselbe Information und unterstützt dabei, sie besser zu behalten.

Besseres Gedächtnis – von Sekunden bis Jahren
Studien zeigen, dass Synästheten – insbesondere Graphem-Farb-Synästheten – bei Worten, Buchstaben und Assoziationen überdurchschnittliche Erinnerungsleistungen zeigen, vor allem dann, wenn synästhetische Merkmale (z. B. typische Farben) aktiv sind. Forschungsarbeiten fanden bereits im Ultrakurzzeitgedächtnis („iconic memory“) Vorteile: Synästheten merken sich mehr Buchstaben, sobald diese Farbwahrnehmungen auslösen. Meta-Analysen bestätigen zudem deutliche Langzeitgedächtnis-Vorteile, die selbst nach einem Jahr noch anhielten – mit positiven Effekten auf Verständnis und Konzeptbildung.

Sprache, Wissen und räumliches Denken
Auch in sprachlichen Fertigkeiten schneiden Synästheten in mehreren Studien besser ab: Sie erzielen höhere Werte bei Verbalverständnis, Wortschatz und allgemeinem Wissen – etwa in Untertests von Intelligenztests. Bei Kindern mit Graphem-Farb-Synästhesie fanden Forschende Hinweise auf eine überdurchschnittliche Vokabel- und Lesekompetenz, was sich durch die farbliche „Markierung“ von Buchstaben und Wörtern erklären lässt. Darüber hinaus profitieren Synästheten bei räumlichen Aufgaben: Besonders jene, bei denen sich Zahlen oder Tage in einem räumlichen Muster anordnen, schnitten in Tests zur mentalen Rotation und räumlichen Orientierung deutlich besser ab als Nicht-Synästheten.

Kreativität und innere Bilder
Neben Gedächtnis und kognitiven Fertigkeiten zeigen Studien, dass Synästheten im Durchschnitt kreativer sind – etwa bei sprachlich-bildlichen Aufgaben und originellem Denken. Sie verfügen außerdem über eine ausgeprägt visuelle Vorstellungskraft, beschreiben intensive, detailreiche innere Bilder und berichten häufiger, dass sie sich Informationen lebhaft „vorstellen“ können, anstatt sie nur abzurufen.

Synästhetische Verknüpfungen bleiben, sobald sie sich ab einem bestimmten Alter gefestigt haben, meist ein Leben lang weitestgehend stabil – oder zumindest über viele Jahrzehnte hinweg. Dennoch scheinen sich diese Verbindungen im Laufe der Zeit leicht zu verändern.

Eine Studie aus dem Jahr 2014, an der über 400 Menschen mit Graphem-Farb-Synästhesie teilnahmen, zeigte einen kleinen, aber deutlichen altersbedingten Rückgang stabiler Buchstaben-Farb-Paarungen. Das deutet darauf hin, dass die Vielfalt synästhetischer Erfahrungen im Laufe des Lebens zunächst wächst und später wieder etwas abnimmt. Mit zunehmendem Alter verändert sich auch die Farbpalette: Während in jungen Jahren häufig leuchtende Farben wie Gelb, Orange oder Magenta auftreten, verschieben sich die Eindrücke im höheren Alter hin zu gedämpften Tönen wie Braun, Grau oder Weiß.

Die Untersuchung war allerdings eine Querschnittstudie – sie verglich also Synästheten unterschiedlicher Altersgruppen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Um genauer verstehen zu können, wie sich synästhetische Erfahrungen individuell über die Lebensspanne entwickeln, wären zusätzliche Langzeitstudien mit wiederholten Messungen derselben Personen notwendig.

Eine mögliche Rolle bei der Stabilität und Konsistenz synästhetischer Verknüpfungen könnte dabei spielen, wie bewusst und aufmerksam die eigenen Synästhesien im Alltag erlebt und reflektiert werden – ein Aspekt, der in zukünftigen Studien noch stärker berücksichtigt werden sollte.

Ja, bestimmte Krankheiten und Hirnschäden können Synästhesie beeinträchtigen oder vollständig auslöschen. Dies geschieht durch Störungen der neuronalen Verbindungen, auf denen synästhetische Wahrnehmungen basieren.

Häufige Auslöser
Traumatische Hirnverletzungen wie Unfälle oder Schussverletzungen haben in Fallberichten Synästhesie vollständig beendet, etwa bei Nummern-Raum- oder Musik-Farb-Synästhesie. Schlaganfälle und Tumore wirken ähnlich, indem sie betroffene Gehirnregionen schädigen und die Kopplungen unterbrechen. Temporäre Ausfälle treten bei Erkältungen (z. B. Geruchssynästhesie) oder nach Operationen auf und kehren oft zurück.

Verbindung zu neurodegenerativen Erkrankungen
Bei Alzheimer oder Parkinson könnte synaptischer Abbau Synästhesie schwächen, da sie hypervernetzte Pfade nutzt – direkte Studien fehlen jedoch weitgehend. Altersbedingter Rückgang der Konsistenz, wie verblassende Farben bei Graphem-Farb-Synästhesie, deutet auf neuronale Veränderungen hin, ähnlich wie bei Gedächtnisverlust.

Klinische Beobachtungen
Fallstudien zeigen vorübergehende Verluste nach PTBS oder Operationen, was die Plastizität des Gehirns unterstreicht. Permanente Fälle sind seltener und hängen von bleibenden Schäden ab.

Was Bewusstsein ist und wie wir dadurch die Welt sehen und gestalten, beschäftigt die Menschheit seit jeher. Synästhesie – verstanden im Sinne der Ideasthesie, also als Übersetzung eingeordneter Sinnesreize sowie als Visualisierung abstrakter Ideen, Konzepte und Gedanken – verdeutlicht, wie das Gehirn Vorstellungen formt, Ideen entwickelt und in Handlungen umsetzt. Synästheten besitzen dabei möglicherweise ein besonders anschauliches inneres Bild von Prozessen, die sonst unbewusst ablaufen. Genau diese Verbindung macht die Erforschung der Synästhesie so faszinierend – und so bedeutsam für Philosophie, Neurowissenschaft und Naturforschung. 


Synästhesie im Alltag

Das Wissen um Synästhesien hat in den letzten Jahren sehr stark zugenommen; Künstler, Medienschaffende und Wissenschaftler haben sich immer mehr damit auseinandergesetzt und damit den Bekanntheitsgrad und das Verständnis enorm erweitert. Synästhesien treten bei etwa 5-15% aller Menschen auf, je nach Form, und dies sind noch konservative Schätzungen aus älteren Studien, sodass die Wahrscheinlichkeit, jemanden mit diesen Fähigkeiten zu treffen, recht hoch ist. Die meisten Menschen hinterfragen ihre subjektiven Empfindungen nicht und sehen diese als normal an, so auch ein Synästhet, der sich nicht bewusst sein muss, dass andere seine speziellen Wahrnehmungen nicht teilen.

Kinder gehen meist unbefangen an die Vielfalt der Welt heran und wenn sie dort auf Verständnis stoßen, öffnen sich Möglichkeiten, seine Fähigkeiten von Anfang an auch gewinnbringend zu erleben und einzusetzen. Gab es früher aus Unkenntnis Vorbehalte und Feheinschätzungen, so sind diese, auch aufgrund der unermüdlichen Aufklärungsarbeit der DSG und anderer Synästheten, heute seltener geworden.

Natürlich kann man auf Verwunderung stoßen, wenn Menschen feststellen, dass ihre Wahrnehmungen so verschieden sein können. Bunte Bilder vor dem inneren Auge können seltsam für jemanden erscheinen, der diese nicht erlebt und auch Skepsis hervorrufen. Hier hilft ein selbstbewusster Umgang mit den eigenen Empfindungen und der Verweis auf die mittlerweile große Datenlage zur Synästhesie.

Im Allgemeinen führt die Synästhesie nicht zu Problemen beim Lernen, im Gegenteil. Kreativität, gutes Gedächtnis und eine feinabgestimmte Wahrnehmung können das Lernen erleichtern. Ein hoher Lärmpegel und Unverständnis seitens der Lehrkräfte können dagegen hinderlich sein.

Graphem-Farb- und Ticker-Tape- Synästhesie helfen bei Rechtschreibung, Auswendiglernen und Fremdsprachen. Sequenz-Raum-Synästhesie bedingt gutes räumliches Vorstellungsvermögen und erleichtert manche Rechenaufgabe. Fehlende Bilder für Aufgaben zur höheren Mathematik können jedoch erschwerend beim Verständnis sein und auch farbige Zahlen, die in den Rechenoperationen (subjektiv) „falsche“ Farbzuordnungen ergeben, können verwirren. Wenn Buchstaben und Zahlen sehr plakative Farben und/oder eine bestimmte räumliche Position mittig im inneren Blickfeld aufweisen, sogar manchmal auch starke Persönlichkeitsmerkmale besitzen (OLP Synästhesie), kann es besonders, wenn die Wahrnehmungen nicht so einfach in den Hintergrund geschoben werden können, ebenfalls stören.

Meist lassen sich hier kreative Lösungsmöglichkeiten finden, wenn auch der zuständige Pädagoge dazu bereit ist. In der Regel ist es nicht nötig, Lehrer über eine bestehende Synästhesie in Kenntnis zu setzen, wenn das Kind keine Auffälligkeiten in der Schule zeigt und vor allem, wenn das Kind dies selbst nicht kundtun möchte. Wenn ihr Kind jedoch Probleme in der Schule hat, kann das vielfältige Ursachen haben, die nicht im direkten Zusammenhang mit der Synästhesie stehen müssen. Sollten aber beispielsweise - durch synästhetische Wahrnehmungen bedingte - individuelle Lernstrategien von Lehrern verkannt werden, kann das zu Konflikten führen. Dann kann ein aufklärendes Gespräch sinnvoll sein, bei dem wir gern unterstützen.

Synästhesie wird aufgrund der mehrschichtigen Wahrnehmung meistens als positiv empfunden. Synästhetisch veranlagte Gehirne verarbeiten aber anders und mehr an Reizen, dies kann eine niedrigere Reizschwelle bedingen und den meisten Synästheten ist eine ruhige reizarme Lernumgebung angenehmer.

Im Normalfall gelingt es Synästheten problemlos sich zu konzentrieren, indem sie sich auf die gerade wesentliche Wahrnehmungs¬ebene fokussieren bzw. die synästhetische Wahrnehmung zumindest zeitweilig und teilweise ausblenden können.

Alle Menschen haben eine individuelle Schwelle, wieviel an Reizen und welche angenehm sind und was zu viel wird. Da sind Synästheten nicht anders als alle Menschen. Statistisch gesehen ist die Reizschwelle jedoch niedriger und eine ruhige Umgebung wird bevorzugt. Diese sollte wenn möglich eingehalten werden, ansonsten kann man Pausen einbauen. Es gilt hier aber wie bei allen Wahrnehmungsphänomenen, dass allgemeingültige Aussagen schwierig zu treffen sind, das Maß an Aufnahmefähigkeit individuell ist und jeder dies für sich selbst definieren muss. Wie immer ist hier ein verständnisvolles Umfeld hilfreich, das genormtes Verhalten nicht zur Voraussetzung für Teilnahme macht.


Was ist keine echte Synästhesie?

Von welchen die Wahrnehmung betreffenden Phänomenen ist die genetisch bedingte Synästhesie abzugrenzen?

Metaphorische Synästhesie
Metaphorische Synästhesie ist eine assoziative, bei allen Menschen mögliche Verknüpfung von Gefühlen mit imaginierten Sinneseindrücken (z. B. „eine warme Stimme“ oder „eisige Stille“), ohne die automatische, unwillkürliche Kopplung echter Synästhesie.

Cross-modale Korrespondenzen
Cross-modale Korrespondenzen sind universelle, unbewusste Ähnlichkeitsurteile zwischen Sinnen (z. B. hohe Töne als hell empfunden), ohne bewusst erlebten zusätzlichen Eindruck wie bei Synästhesie.

Hyperphantasie
Hyperphantasie beschreibt eine extrem lebendige, freiwillige Fähigkeit zur mentalen Bildvorstellung, im Unterschied zur unwillkürlichen, reizgetriggerten sensorischen Kopplung der Synästhesie.

Halluzinationen
Halluzinationen sind falsche Wahrnehmungen ohne realen Auslöser, die als echt empfunden werden, wohingegen Synästheten den zusätzlichen Eindruck als gehirnbedingt erkennen und den realen Reiz weiterhin wahrnehmen.

Drogeninduzierte Wahrnehmungen
Drogeninduzierte Synästhesie-ähnliche Effekte durch Halluzinogene wie LSD sind vorübergehend und nicht konsistent, im Gegensatz zur angeborenen, stabilen Form der echten Synästhesie. Siehe auch „Drogeninduzierte Synästhesie“.

Hypnagoge Bilder
Hypnagoge Bilder sind vor dem Einschlafen auftretende visuelle Halluzinationen ohne spezifischen Reizauslöser, im Gegensatz zur reizabhängigen, konsistenten Wahrnehmung bei Synästhesie.

ASMR
ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) löst durch sanfte Reize wie Flüstern ein angenehmes Kribbeln im Kopf aus, ohne die unwillkürliche sensorische Sinnesvermischung echter Synästhesie.

Misophonie
Misophonie ist eine starke emotionale Abneigung gegen bestimmte Alltagsgeräusche wie Kaugeräusche, die Wut oder Ekel auslöst, allerdings abhängig von Bedeutung und sozialem Kontext.

Genuine und drogeninduzierte Synästhesie unterscheiden sich in mehreren wesentlichen Merkmalen, wobei die phänomenologischen und neurobiologischen Unterschiede die Ähnlichkeiten überwiegen.

Genuine Synästhesie

Genuine Synästhesie ist genetisch bedingt und dauerhaft vorhanden. Sie äußert sich in stabilen Kopplungen zwischen dem Auslöser (z. B. Buchstabe) und dem synästhetischen Eindruck (z. B. Farbe), die in der Regel genauso lange bestehen bleiben, wie der Auslöser sensorisch oder kognitiv präsent ist. Typische Auslöser umfassen sowohl konzeptionelle Induktoren (z. B. Zahlen, Buchstaben, Worte) als auch sensorische Reize (z. B. Klänge, Berührungen); die Zuordnungen sind den Betroffenen vertraut und selbstverständlich, wirken daher selten überraschend und nur in Situationen starker Reizüberflutung gelegentlich überwältigend.

Drogeninduzierte Synästhesie

Drogeninduzierte Synästhesie entsteht akut und vorübergehend unter Einfluss psychoaktiver Substanzen wie LSD oder Psilocybin, in seltenen Fällen länger anhaltend. Sie beruht überwiegend auf sensorischen Auslösern (z. B. Geräusche, Musik → visuelle Effekte) und zeigt instabile, inkonsistente Kopplungen, die je nach Dosis, Umgebung oder Stimmung variieren und mit der Substanzwirkung enden. Da diese Verknüpfungen nicht vertraut und vorhersehbar sind, werden sie häufig als fremd, intensiv oder überwältigend erlebt, führen bei Reizvielfalt oft zu Verwirrung und umfassen ein breiteres Spektrum mit surrealen, kaleidoskopischen Visionen.

Neurobiologische Unterschiede

Genuine Synästhesie deutet auf strukturelle Hirnveränderungen hin, etwa mehr Verbindungen und mehr graue Substanz in sensorischen Arealen zwischen beteiligten Regionen.
Drogeninduzierte Synästhesie basiert auf vorübergehenden Funktionsänderungen, insesondere Serotonin-Überaktivität (5-HT2A-Rezeptoren), die rohe Sinneseindrücke verstärkt und die normale Kontrolle abschwächt.


Kontaktaufnahme zu synästhesiebegabten Menschen

Mitglieder in unserem Verein haben die Möglichkeit, sich mit anderen Synästheten zu vernetzen. Die DSG ist stellvertretend für alle Synästheten im deutschsprachigen Raum aktiv und hat auch Kooperationen mit anderen Synästhesiegesellschaften in England, USA, Afrika, China und weltweit aufgebaut.

Die Höhepunkte des Vereinsjahres bilden die gemeinsamen Treffen. Zusätzlich zur jährlich stattfindenden Jahreshauptversammlung an wechselnden Orten im Bundesgebiet organisieren wir möglichst viele Mitgliedertreffen auf regionaler Ebene. Dazu kommen bundesweite Online Treffen in regelmäßigen Abständen und eine Whatsapp Gruppe, um Neuigkeiten auszutauschen und Treffen zu organisieren. Auch auf dem Messenger Telegram gibt es eine Gruppe. Wer Interessen an diesen Gruppen hat, kann uns seine Mobilfunknummer nennen und wird dort entsprechend hinzugefügt.

Die DSG ist zudem auf Facebook mit einer Gruppe vertreten, sowie auf Instagram.

→ Facebookgruppe der Deutschen Synästhesiegesellschaft e.V.

Instagram: synaesthesie_dach

Die DSG beantwortet gerne alle Ihre Anfragen. Bei der Suche nach Kontakten, z.B. für Interviewpartner, sind wir gerne behilflich und leiten Anfragen an unsere Mitglieder weiter. Bitte nehmen Sie hierzu Kontakt auf unter info@synaesthesie.org.


Fragen zur Mitgliedschaft und Unterstützungsmöglichkeiten

Nein, dies ist keine Voraussetzung. Alle, die sich ernsthaft für Synästhesie und die damit verbundenen Themen interessieren, sind gleichermaßen willkommen.

Wir freuen uns sehr über Spenden jeder Höhe, die unsere ehrenamtliche Tätigkeit unterstützen und wichtige Projekte bei der Aufklärungsarbeit und Unterstützung der Mitglieder im kreativen Bereich finanzieren helfen.

Deutsche Synästhesie-Gesellschaft e.V.
Kreissparkasse Ostalb
IBAN: DE91 6145 0050 1000 9180 67
BIC/SWIFT: OASPDE6AXXX

Für das Online-Weiterbildungsprogramm:

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